2018

Konzentriert schaut Daniel Lubitz auf das Notenblatt, während Sven Zimmermann mit ihm die Akkorde durchgeht: Zimmermann ist Bassist bei Godewind, Lubitz einer von 16 Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Workshops von „musik in uns“, der Ende März im Martinshaus stattgefunden hat. In diesen drei Tagen erarbeiten Sängerin Anja Bublitz, Schlagzeuger Heiko Reese, Keyboarder Shanger Ohl und eben Sven Zimmermann von Godewind mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern gemeinsam die Lieder, die gespielt werden sollen, und geben den Neulingen Tipps, wie man sich auf ein Konzert vorbereitet und wie es ist, vor Publikum auf einer Bühne zu stehen. So neu ist das für manche gar nicht, denn die meisten spielen in einer Werkstattband, singen im Chor oder hatten schon eigene Musikprojekte. Die Herausforderung liegt eher darin, aus den 16 Frauen und Männern innerhalb kurzer Zeit eine Band zu machen, denn sie lernen sich erst hier im Martinshaus kennen: Sie arbeiten in Werkstätten für Menschen mit Behinderungen in Rendsburg, Fockbek, Hohenwestedt, Schleswig, Eckernförde und Glückstadt und haben sich für den Workshop beworben.

Nicht nur in ihrer Arbeitsstätte, auch in Alter und natürlich Musikgeschmack unterscheiden sie sich: So kennt Daniel Lubitz mit seinen 29 Jahren den „Goldenen Reiter“ nicht, Roswitha Urban, 47 Jahre, fragt nach der Schreibweise von Mark Forsters Namen. Aus allen Vorschlägen für Lieder, die eingeübt werden sollen, werden acht ausgewählt. Und das ist nicht alles. Zu einer richtigen Band gehört natürlich auch ein passender Name. Und der ist rasch gefunden: Da der Workshop im Rendsburger Martinshaus direkt am Nord-Ostsee-Kanal stattfindet, nennt sich die frisch gegründete Band ab sofort KANALROCKER.

Wenn aus den KANALROCKERN plötzlich Kuschelrocker werden

Sobald die Proben beginnen, offenbart sich für die vier Godewindler und Organisatorin Birgit Schatz, Einrichtungsleitung der Werkstätten Rendsburg-Fockbek, mal wieder der „Wundertüten“-Charakter der Anwesenden: Daniel nimmt seit einigen Jahren Gitarrenunterricht, Schlagzeuger Malte Kühl spielt bereits seit 16 Jahren und Keyboarder Zgjim, gesprochen „Jim“, hat sich das schon als Kind das Keyboardspielen beigebracht. Der 23-Jährige ist blind und hat deswegen seinen „Musik-Assistenten“, sprich FSJler, Nils Hansen dabei. Und auch der ist ein Talent: Wenn er zusammen mit Zgjim „Somebody help me“ von Sunrise Avenue singt, bekommen alle Gänsehaut. Ganz klar, das muss eine Solonummer werden! Auch die anderen Stücke – von NDW über Deutschpop bis Schlager ist alles dabei – überzeugen. „Anja findet eben immer die richtigen Worte – und die richtigen Noten“, lacht Birgit Schatz. Anja Bublitz übt mit den Sängerinnen und Sängern. Das geht es nicht nur um Texte, sondern auch um Timing. Bei manchen Liedern ergibt es außerdem einen Überraschungseffekt fürs Publikum, wenn die Strophen abwechselnd gesungen werden und nur im Refrain alle einfallen. Da kommt man schnell mal durcheinander, aber nach drei Tagen Üben sitzt alles. Und das ist auch gut so, denn jetzt steht das Abschlusskonzert an: Vom Probenraum im Keller geht es jetzt auf die Bühne der Kapelle im Martinshaus.

Das Heimweh meiner Ohren

Und da ist es nicht verwunderlich, dass die Aufregung steigt. Schließlich gilt es nun, vor Publikum zu spielen: Freunde und Familie sind gekommen, um den Auftritt der KANAROCKER mitzuerleben, und auch Kollegen und Betreuer aus der Werkstatt sind neugierig. Nach Begrüßung und Anmoderation übergibt Birgit Schatz das Mikro an Anja Bublitz. Denn bevor die KANALROCKER die Bühne entern, spielen traditionell erst Godewind drei Stücke. Wunderschön norddeutsch-melancholisch starten sie mit „Wind und Meer“. Bevor das zweite Stück beginnt, erzählt Sven Zimmermann die Entstehungsgeschichte: „Als Berufsmusiker bewegst du dich natürlich ganz viel in deinem eigenen Dunstkreis. Beim Workshop von „musik in uns“ sind wir immer wieder überrascht, welche Lied-Wünsche die Teilnehmer haben, das sind oft Stücke, an die man selbst lang nicht mehr gedacht hat, die man einfach nicht mehr im Radio hört. Und genau darüber haben wir das Lied „Ich kannte ein Lied“ gemacht.“ Darin kommen so passende Textzeilen wie „Was bleibt ist das Heimweh meiner Ohren“ oder „Soll sie unsterblich sein, dann hör die Musik“ vor.

Klar, dass der dritte Song „Heimathafen“ hier in der Kanalstadt ein Selbstläufer ist. Das Publikum ist begeistert und warmgeklatscht für den Haupt-Act: Auf der Bühne wird es etwas eng, als alle nach vorn gekommen sind: Die Sängerinnen und Sänger Markus, Rajda, Roswitha, Maurice, Benjamin, Ines, Dominik, Melli und Tanja stehen vorn hinter dem Mikros, die größeren wie Mareike und Guido stehen schon in „zweiter Reihe“. Und dann sind da natürlich noch Keyboarder Zgjim mit Nils, Daniel und Hans-Peter an der Gitarre und Thorben am Schlagzeug. Und, je nach Lied, auch noch die Godewind-Jungs Shanger, Heiko und Sven.

Vom ersten Ton an sind die Zuhörerinnen und Zuhörer begeistert: Acht ganz unterschiedliche Lieder werden hier mit ganz viel Einsatz gesungen und gespielt. Besonders in Erinnerung werden wohl die Solostücke bleiben: Neben Zgjim und Nils mit dem Sunrise-Avenue-Stück treten noch Thorben mit einem Schlagzeugsolo zu einem Heavy-Metal-Stück auf, Rajda Karatas performt Britney Spears’ Song „Toxic“, Dominik Lorenzen singt (und rappt!) „ID“ von Michael Patrick Kelly und Daniel singt und spielt Gitarre zu „Das kann uns keiner nehmen“ von Revolverheld, dazu spielt Zgjim den Keyboard-Part und singt mit im Refrain.

Selbst Profi Anja ist überrascht vom Mut der Solisten: So ganz allein am Mikro, das ist doch etwas anderes, als wenn man sich in der Band „verstecken“ kann und sich neben den anderen sicher fühlt. Ein ganz besonderes Abschlusskonzert, da sind sich alle „alten Hasen“ sicher. Besonders, als einzelne Teilnehmer sich bei Godewind, Birgit Schatz und sogar den eigenen Band-Mitstreitern für diese drei unvergesslichen Tage bedanken.

15 Jahre musik in uns

Seit 15 Jahren gibt es „musik in uns“ nun schon, und neben dem Workshop im Frühling gehört ein großes Konzert im Herbst dazu, bei dem auch prominente Künstler auftreten. In diesem Jahr sind es Gustav Peter Wöhler und seine Band. Der Schauspieler und Sänger war bereits 2011 auf der „musik in uns“-Bühne und hat für eine ausverkaufte Halle gesorgt. Karten für das Konzert, das am 2. September in der Nordmarkhalle stattfindet, gibt es jetzt schon: an allen bekannten Vorverkaufsstellen, online unter www.reservix.de und www.adticket.de sowie ohne Vorverkaufsgebühren in den Werkstätten Rendsburg•Fockbek, im Bonhoeffer-Haus in Rendsburg und im café tagespost.

Ein ganz besonderer Auftritt erwartet die „Kanalrocker“ jedoch schon im Mai: Im Rahmen der „Special Olympics“ hat Ministerpräsident Daniel Günther die Band zu einem Empfang eingeladen, wo sie dann vor über 400 geladenen Gästen das Landeshaus rocken werden.

Mehr unter www.musik-in-uns.de oder auf Facebook „Festival musik in uns“

Das sind die KANALROCKER:

Tanja Gutruf, Nils Hansen, Mareike Ivens, Rajda Karatas, Dominik Lorenzen, Melanie Michel, Guido von der Mühlen, Markus Plenikowski, Ines Schnur, Benjamin Schütt, Roswitha Urban, Maurice Wozny (alle Gesang) sowie Zgjim Bahtiri (Keyboard, Gesang), Hans-Peter Locht (Gitarre), Daniel Lubitz (Gitarre, Gesang), Rojda Karatas (Ukulele, Gesang) und Torben Kühl (Schlagzeug)